Hinter zunehmendem Gedächtnisverlust kann auch eine heilbare Krankheit stecken. Eine frühe Abklärung der Symptome ist daher wichtig.
Hinter zunehmendem Gedächtnisverlust kann auch eine heilbare Krankheit stecken. Eine frühe Abklärung der Symptome ist daher wichtig. (Adobe Stock)
Gesundheit

Wenn sich im Gehirn Eiweisse ablagern

Gesundheit In der Schweiz leben knapp 145 000 Menschen mit Demenz. Stefanie Becker, Direktorin von Alzheimer Schweiz, spricht über die Auslöser der Krankheit, die Grenzen vorbeugender Massnahmen und überlastete Angehörige.

Interview Karin Meier

Frau Becker, was passiert mit unserem Gehirn, wenn wir plötzlich Wörter vergessen, nicht mehr wissen, wo wir sind, oder unsere Familienmitglieder nicht mehr erkennen?

Demenz ist ein Überbegriff für mehr als 100 verschiedene Formen von Erkrankungen. Mit rund zwei Dritteln aller Fälle kommt die Alzheimer-Demenz weitaus am häufigsten vor. Sie entsteht, wenn sich im Gehirn Eiweisse ablagern. Diese zerstören die Nervenzellen und deren Verbindungen zu anderen Nervenzellen. Dies führt zu einem schleichenden Gedächtnisverlust, zunehmender Desorientierung und weiteren Symptomen.

Stefanie Becker, Direktorin von Alzheimer Schweiz.
Stefanie Becker, Direktorin von Alzheimer Schweiz. (Ursula Meisser)

Was löst die Ablagerungen aus?

Wie es zu den Eiweiss-Ablagerungen kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. In klinischen Studien können bereits 20 bis 30 Jahre vor dem Ausbruch einer Demenzer­krankung sogenannte Biomarker für diese Eiweisse nachgewiesen werden. Es ist jedoch nicht so, dass Menschen mit erhöhten Biomarkern später zwingend eine Demenzerkrankung entwickeln.

«Demenz ist ein Überbegriff für mehr als 100 verschiedene Formen von Erkrankungen.»

Ursache einer vaskulären Demenz sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie ein unbehandelter Bluthochdruck. Er führt zu kleinen Schlaganfällen, die das Gehirn schädigen. Dank erfolgreicher Präventionsmassnahmen geht die Häufigkeit dieser Demenzform zurück. Was gut ist fürs Herz, ist auch gut fürs Gehirn. Stoffwechselerkrankungen, Vitamin-Mangel oder Depressionen können ebenfalls demenzähnliche Symptome auslösen. Diese sind im Gegensatz zu einer Alzheimer-Demenz heute aber heilbar, sodass die Symptome wieder verschwinden.

Wie kann man Demenz vorbeugen?

Für die nichtvaskulären Demenzerkrankungen gibt es keine Prävention im eigentlichen Sinn. Man kann jedoch mit bestimmten Massnahmen das Risiko für eine Erkrankung verringern. Dazu gehören ein grundsätzlich gesunder Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung und – falls nötig und auf ärztlichen Rat hin – Nahrungsergänzungsmitteln.

«Weiter ist es wichtig, das Gehirn vielfältig anzuregen.»

Weiter ist es wichtig, das Gehirn vielfältig anzuregen. Allein mit dem Lösen von Kreuzworträtseln zum Beispiel ist noch nichts gewonnen. Lebenslanges Lernen, Hobbies und soziale Kontakte sind besonders wichtig, denn sie fordern das Gehirn und bewirken eine bessere Vernetzung der Nervenzellen. Im Falle einer Demenzerkrankung lässt sich so der Verlust von Nervengewebe länger kompensieren.

Welche Verwechslungsgefahr besteht zwischen Demenz und Depression?

Da einige Symptome von Demenz und Depression sich ähneln, werden die Erkrankungen am Anfang häufig verwechselt. Eine Depression kann zudem eine Demenz ankündigen. Menschen mit einer ­beginnenden Demenzerkrankung spüren, dass etwas nicht stimmt, und können deshalb eine Depression entwickeln. Diese verstärkt die Symptome der Demenzerkran kung.

Alzheimer Schweiz

Die gemeinnützige Organisation Alzheimer Schweiz ist ein Wissenszentrum für alle Fragen rund um Demenz. Über das Alzheimer-Telefon 058 058 80 00 können sich Betroffene und Angehörige beraten lassen.

Gedächtnisstörungen bei einer reinen Depression hingegen nehmen in der Regel nicht zu und verbessern sich bei entsprechender Behandlung. Gerade weil hinter einem Gedächtnisverlust eine heilbare Krankheit stecken kann, sollte man erste Symptome rasch abklären lassen. Selbst für Demenz­erkrankungen gibt es Behandlungsmöglichkeiten, die den Verlauf verzögern und Begleitsymptome positiv beeinflussen können.

Wie sehen diese Behandlungen konkret aus?

Es gibt Medikamente, welche die Gehirnaktivität stimulieren. Sie mindern Begleiterscheinungen von Demenzerkrankungen wie die Umkehr des Tag-Nacht-Rhythmus oder Unruhezustände und können die Lebensqualität erhöhen. Da die meisten Erkrankten hochaltrig sind, leiden sie oft an weiteren Erkrankungen und nehmen dafür Medikamente ein.

«In jedem Fall angezeigt ist, aktiv zu bleiben und durch nicht-medikamentöse Therapien wie Musiktherapie das Gehirn weiter anzuregen.»

Bevor man ein Alzheimer-Medikament verabreicht, ist, wie bei allen Verordnungen, zu prüfen, ob es in den Medikamenten-Mix des Betroffenen passt. In jedem Fall angezeigt ist, aktiv zu bleiben und durch nicht-medikamentöse Therapien wie Musiktherapie das Gehirn weiter anzuregen und die vorhandenen Kompetenzen zu fördern.

Wie reagieren Angehörige richtig?

Eine Demenzerkrankung sollte man nicht verheimlichen. Es ist wichtig, sich früh über die Krankheit und Hilfsangebote zu informieren und das Umfeld miteinzubeziehen, damit es mit Verständnis und Einfühlungsvermögen reagieren kann. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto mehr Anpassungen braucht es im Alltag. So hilft es Betroffenen beispielsweise, wenn Dinge einen fixen Ort haben und tägliche Routinen vorhanden sind. Ganz wichtig ist aber auch, dass sich die Angehörigen Auszeiten gönnen. Die Gefahr, dass sie sich überfordern und selbst krank werden, ist gross.

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