Im Horta-Museum wandelt man rund eine Stunde lang auf den Spuren Victor Hortas.
Im Horta-Museum wandelt man rund eine Stunde lang auf den Spuren Victor Hortas. (Jean-Paul Remy)
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Brüssel – Abseits der Grand-Place

Brüssel hat mehr zu bieten als den frechen Manneken-Pis, das gigantische Atomium oder das moderne EU-Viertel. Ein Blick unter die touristische Oberfläche.

Manuela Pfaffen

Um die Hauptstadt Europas für einmal von einer anderen Seite kennenzulernen, meiden wir heute die ausgetretenen Touristenpfade und bewegen uns in Gegenden, in denen der Waffelgeruch nicht mehr ganz so allgegenwärtig in der Luft liegt.

Die verschiedenen Gesichter Molenbeeks

Dazu verlassen wir die prächtige Grand-Place, sozusagen das überteuerte Herz Brüssels, und be-suchen die Gemeinde Molenbeek-Saint-Jean, die sich unmittelbar westlich der Altstadt befindet. Wir starten unsere Tour auf der Place Sainctelette, wo die Skulptur «De Vaartkapoen» beweist, dass die Belgier nicht umsonst für ihren schrägen Humor bekannt sind. Der Künstler Tom Frantzen stellte das Werk 1985 auf. Es zeigt einen aus der Kanalisation hervorblitzenden Bengel, der einen Polizisten als Symbol der staatlichen Autorität zum Sturz bringt.

Von urinierenden Hunden über bekannte Comic-Figuren zu stolpernden Polizisten: Originelle Statuen findet man in Brüssel zuhauf.
Von urinierenden Hunden über bekannte Comic-Figuren zu stolpernden Polizisten: Originelle Statuen findet man in Brüssel zuhauf. (Adobe Stock)

Ein Kunstwerk, das in Molenbeek passend platziert scheint, galt es doch lange Zeit – und teilweise immer noch – als Problemviertel Brüssels. Man verbindet die heutige Innenstadtgemeinde mit ihren 100 000 Einwohnern, viele davon Einwanderer aus Marokko, oft mit Schlagworten wie Kleinkriminalität, Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt auch mit Extremismus. Den Rathausplatz, die Place Communale, kennt man ausserhalb Belgiens wohl vor allem aus Fernsehbildern, als das Viertel nach den Anschlägen von Paris und Brüssel in den Jahren 2015 und 2016 von Journalisten aus aller Welt belagert wurde. Heute ist es, zumindest zweimal die Woche, glücklicherweise wieder der Markt, der das Platzbild prägt.

Die Belgier lieben ihre «Bandes Dessinées»: Der Molenbeeker Rathausplatz mit bemalter Fassade im Vordergrund.
Die Belgier lieben ihre «Bandes Dessinées»: Der Molenbeeker Rathausplatz mit bemalter Fassade im Vordergrund. (Jean-Paul Remy)

Seine goldenen Zeiten erlebte Molenbeek als eine der bedeutendsten und florierendsten Städte zu Beginn der Industrialisierung. Stumme Zeugen davon sind die alten Fabrikgebäude aus Backstein am Ufer des Brüsseler Kanals, von denen etliche in den vergangenen Jahren ein Upgrade künstlerischer und kulinarischer Natur erfahren haben. Seit 2016 bietet etwa das MIMA Museum für zeitgenössische Kunst verschiedenen Subkulturen eine Bühne.

Das ehemalige Arbeiterquartier Molenbeek mausert sich: Verschiedene Kultureinrichtungen sorgen rund um den Kanal für frischen Wind.
Das ehemalige Arbeiterquartier Molenbeek mausert sich: Verschiedene Kultureinrichtungen sorgen rund um den Kanal für frischen Wind. (Jean-Paul Remy)

Direkt daneben finden Feinschmecker in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Bierbrauerei das Restaurant «Bel Mundo», in dem auf den Tisch kommt, was im hauseigenen Stadtgarten wächst. Im selben Gebäude beherbergt das «Belvue», seines Zeichens erstes Passiv-Energie-Hotel in Belgien, Übernachtungsgäste.

In Sainte-Catherine tobt das Leben

Bloss ein Kanal trennt Molenbeek vom Dansaert-/Sainte-Catherine-Viertel, doch der Stilbruch könnte kaum grösser sein: Diese Gegend gehört zu den dynamischsten in ganz Brüssel; alles ist hier ein wenig schicker und hipper als anderswo. Seinen Namen verdankt das Quartier der Kirche Sainte-Catherine, die 1874 fertiggestellt wurde. Ihr Stil ist von den französischen Gotteshäusern des 16. Jahrhunderts inspiriert und vereint sowohl Romantik-, Gotik- als auch Renaissance-Elemente. In der Nähe des Marché aux Poissons lässt sich mit der Église du Béguinage aus dem 17. Jahrhundert eine weitere beeindruckende Barockkirche bestaunen.

Verborgenes Juwel: Die Fassade der Église du Béguinage gilt als eine der schönsten im ganzen Land.
Verborgenes Juwel: Die Fassade der Église du Béguinage gilt als eine der schönsten im ganzen Land. (Jean-Paul Remy)

Aber natürlich kommt man nicht nur der Kultur wegen nach Sainte-Catherine, sondern vor allem auch, um die kosmopolitische Atmosphäre, die guten Restaurants, die trendigen Bars und das vibrierende Nachtleben zu geniessen. Dazu erst einmal ein Blick in die Vergangenheit: Rund um die Place Sainte-Catherine lag im Mittelalter der Hafen von Brüssel, wo die Fischer ihre Waren feilboten. Diese Zeiten sind lange schon vorbei, geblieben sind Muscheln, Meeresfrüchte und Fisch jedoch auf den Speisekarten der Restaurants. Eine gute Adresse und längst kein Insidertipp mehr ist beispielsweise die Fischbar «Mer du Nord».

Auf dem Wochenmarkt auf der Place du Châtelain trifft man auf ein farbenfrohes Durcheinander.
Auf dem Wochenmarkt auf der Place du Châtelain trifft man auf ein farbenfrohes Durcheinander. (Jean-Paul Remy)

Statt Weisswein kann der Fischliebhaber zu den maritimen Köstlichkeiten ausnahmsweise mal ein belgisches Bier geniessen und hat hier die Qual der Wahl: Das Gesamtangebot an Gerstensaft in Belgien wird auf rund 1000 verschiedene Biere geschätzt. Auf der Suche nach einer authentischen Brüsseler Bar flaniert man am besten durch die Rue de Flandre und die Rue Sainte-Catherine. Ein beliebter Treffpunkt, auch für Einheimische, ist das «Monk». Wer als ebensolcher durchgehen will, antwortet übrigens auf die Frage des Barkeepers, ob er noch ein Bier will, mit einem lässigen «non peut-être», was in Brüssel so viel heisst wie «was denn sonst». Nachtschwärmer sind schliesslich im «Madame Moustache» gut aufgehoben. Ob Kabarettabende, Rockkonzerte oder einfach nur gute alte Disco-Musik – dieser Club ist die passende Adresse für alle, die die Nacht gerne zum Tag machen.

Châtelain lädt zum Flanieren ein

Hohe, schlanke Gebäude, elegante Jugendstilbauten: Willkommen im Châtelain-Bailli-Viertel in der Brüsseler Gemeinde Ixelles. Hier lässt es sich nach einer durchzechten Partynacht in Sainte-Catherine wunderbar entspannt durch bunte Strassenzüge schlendern. Wer sich für Architektur begeistert, sollte einen Blick ins Horta-Museum werfen. Dieses erstreckt sich über zwei Häuser, in denen sich das Wohnhaus und das Atelier des belgischen Architekten Victor Horta befand. Beide versinnbildlichen aufs Schönste die Blütezeit des Jugendstils.

Shopping in der Rue du Bailli: Hier findet man fast alles, was das Herz begehrt.  
Shopping in der Rue du Bailli: Hier findet man fast alles, was das Herz begehrt.   (Jean-Paul Remy)

In der belebten Einkaufsstrasse Rue du Bailli kommen schliesslich Modeliebhaber auf ihre Kosten. Hier findet man Boutiquen für Damenmode, Schuhgeschäfte, Schmuckläden und vieles mehr. In Richtung Église de la Sainte Trinité versteckt sich mit der Kunstbuchhandlung «Peinture Fraîche» eine ganz besonders schöne Perle. Ein guter Ort, um in den dort erworbenen Werken zu schmö-kern, ist der Parc Tenbosch, die grüne Lunge inmitten des Viertels, in dem sich die Brüsseler zum Boule-Spielen und Flanieren treffen.

Apropos frische Luft: In Brüssel gibt es mehr als 20 verschiedene Wochenmärkte. Einer davon findet jeden Mittwochnachmittag auf der Place du Châtelain statt und hat Schnittblumen, exotische Spezialitäten, knackiges Bio-Gemüse und allerhand anderes im Angebot. Ein schönes Einkaufserlebnis unter freiem Himmel für Flaneure und Gourmets. Bei einem guten Glas Wein und belgischen Leckereien kann man hier unbesorgt die Welt an sich vorbeiziehen lassen. Eine hervorragende Gelegenheit, um sich eine Portion des Nationalgerichts Pommes Frites zu gönnen. Diese werden in Belgien jeweils zweimal frittiert, damit bleiben sie innen schön weich und aussen knusprig. Bon appétit!

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